Doof gucken – Eine sinnvolle Auszeit

Doof gucken, dieser Zustand kann im Sitzen, Stehen und Liegen erreicht werden. Beim Alleinsein oder in Kreisen mit Bekannten.
Doch möchten wir zu Beginn der Irritation zuvorkommen, dass doof gucken auch etwas Doofes sei. Dem ist nicht unbedingt so, höchstens von außen betrachtet. Nach doof gucken kann man aussehen, jedoch Erhebliches leisten.
Wir betrachten diesen Zustand vielmehr als situative geistige Verfasstheit.

Die Grundlage zum Erreichen dieses Zustands wird durch die Befreiung von möglichen Ablenkungen gebildet. Als Beispiele seien hier digitale Medien oder der im Herbst mit voller Inbrunst eingesetzte unsägliche Laubbläser genannt.

Wir umschreiben diesen Zustand als doof gucken, weil jener eben von außen betrachtet naiverweise als doof fehlinterpretiert werden kann. Dies ist möglicherweise der nach außen hin kommunizierten Abwesenheit seitens der Person, die doof guckt, geschuldet. Dieser Zustand mag in einer Welt voller Reize, Aufforderungen und Selbstrepräsentation unüblich sein – jedoch keinesfalls falsch.
Wir gehen vom Gegenteil aus!

Die körperlichen und geistigen Ressourcen, die benötigt werden, um dem Mit-Homo-Sapiens zu signalisieren, dass die soziale Anteilnahme aufrechterhalten wird, kehren nach innen und münden im Fokus der Anteilnahme an den eigenen Gedanken.
Die Verarbeitung von Ideen, wie etwas war, ist, sein oder nicht sein soll, geschieht in konstanter Manier.
Nun kann dieser Prozess auch bewusst geschehen.

Sich Gedanken zu machen, kann Spaß bereiten.
Eine Idee zu entwickeln, kann Spaß machen.
Doof gucken und schauen, was einen bewegt, kann Spaß machen.
Diese Gedanken müssen nicht von Komplexität nur so strotzen, sondern können auch dem einfachen Leben ihre Aufmerksamkeit schenken.

Folgender Spruch leitet unsere Gedankenfindung an:
Wer doof guckt – hat keinen Druck.
Manchmal verläuft sich die Reflexion im Sande – manchmal entsteht etwas Grande.

Von der Krankenversicherungs-App auf dem Handy über das digitale Finanzamt bis hin zur ständigen und unmittelbaren Erreichbarkeit muss man sich gegenwärtig eine sinnvolle Auszeit regelrecht nehmen. Sich einen Moment der Ruhe zu nehmen, ist heutzutage ein Vorhaben oder etwas, das spontan auftritt – sofern es denn solche Momente noch gibt.

Man möge sich vorstellen, dass es Generationen in unserer Gesellschaft gibt, die keine anderen Zustände kennen. Früher endete beispielsweise das Fernsehprogramm gänzlich, das Internetmodem krächzte und besetzte die Telefonleitung – ja, es gab sogar Situationen, in denen man Freunde auf dem Festnetz anrief und fragte, ob diese Person denn zu Hause sei, worauf die genervte Stimme eines Elternteils antwortete. Stellt euch nur mal vor, dass Prozesse eine gewisse Dauer in Anspruch nahmen, nur weil ein Brief noch per Kutsche oder mit knatterndem Diesel transportiert wurde. Ganz nach dem Motto: „Sorry, Chef – ich warte auf Antwort.“ oder um es kutschengemäß zu formulieren: „Ich bin untröstlich werter Herr, es scheint so, als hätte der Kurier Probleme mit seinem Gaul.“

Wir halten uns als Schreiberlinge nicht für schlauer als andere.
Wir gehen einfach unserer Leidenschaft nach: schreiben, reden und zuhören. Sobald man einer Sache leidenschaftlich nachgeht, ist es doch so, dass sich Fähigkeiten und Wissen diesbezüglich vertiefen. So hofft man zumindest. Stelle ich mir nur vor, eine Autobremse ein- und auszubauen, so graust es mir förmlich. Ich bräuchte eine Anleitung hierzu.

Deshalb maßen wir uns an, an dieser Stelle eine kurze Anleitung zum doof gucken zu präsentieren. Wir sind angehende Fachleute.
Für diese Anleitung muss euch kein konkretes Thema beschäftigen – es geht auch ohne:

  1. Solo unterwegs oder bei sich zu Hause – das ist der Einstieg.
  2. Unterwegs bedeutet, ein Getränk in einem vertrauten Lokal zu sich zu nehmen – und dies am besten im Außenbereich. Achtung: Bei alkoholischen Getränken sollte ein angemessenes Maß eingehalten werden; ein leichter Rausch kann anregend wirken, zu viel macht wahrhaftig doof.
    2.1. Alleine in der Natur
    2.2. Alleine im Restaurant
  3. Begrenzt euch zeitlich, wenn möglich, nicht – oder lasst diese Begrenzung so weit entfernt liegen, dass ihr nicht darauf achten müsst, in kürzester Zeit aufzubrechen. Diese Gedanken sind einnehmend und lösen Stress aus.
  4. Verzichtet auf bemerkbare Benachrichtigungen eures intelligenten Mobilgeräts.
  5. Beobachtet oder observiert euer Umfeld; beschäftigt euch zunächst mit der Einfachheit eines Bestellvorgangs und lasst euch bei Abend eine Kerze auf den Tisch stellen.
  6. Fragt euch, welcher Art Baum das ist, der so herrlich über dem Weg neigt und Schatten spendet.
    6.1. „Oh, ein Buntspecht. Ein schönes Tier – flatter, flatter.“ oder: „Wie sehr stinkt so ein Hund, nachdem er im See gebadet hat?“
    Dies sind einleitende Gedanken zum doof gucken.
  7. Doof gucken kommt dann von ganz allein.

Wir appellieren in Zeiten der Hast, der unbegrenzten Möglichkeiten des Konsums und der leichten Unterhaltungskost:
guckt doof!

Bernie Birne


Die Observation Station dankt dem Autor Bernie Birne herzlichst für diesen Gastbeitrag.


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