Hanseaufbäcker Junge

Einer der Orte, der ein erschreckend hohes Maß an Widersprüchen aufweist, ist der selbst ernannte Hansebäcker Junge – hier ist nicht einmal das Rührei echt.

An jeder Wand versteckt sich ein Lebenstipp und ein frecher Gag: „Eure Mutter wäre stolz auf euch.“ Mit diesem Satz wird der brave Gast, der ganz selbstständig das Geschirr einsortiert, belästigt.
Ich bin also gezwungenermaßen in der Rolle des Angestellten gelandet. Welch eine Freude.

Nachdem der toxisch anmutende Kaffee den menschlichen Körper an die Grenzen treibt und der nun brav scheißende Gast die Zwangsmöglichkeit erhält, sich zu den sanitären Anlagen zu schleppen, fällt auf, dass in aller Aufdringlichkeit die konzerneigenen Erfolge präsentiert werden.
Da, wo die Selbstverherrlichung beginnt, ist der Verfall nicht weit.

Gewonnene Preise, selbst verfasste Artikel der Bewunderung für das schmierige Geschäftsmodell, wische ich mir aus dem Kopf wie die Scheiße mir vom Arsch.

Die musikalische Beschallung stammt direkt aus der Industrie – gepresst und oberflächlich wie das Brot in Geschmack und Form.
Gut geölt ist hier nur der Tisch.

Der Grad der Verkrümelung des Bodens rückt jeden Winterdienst in ein schlechtes Licht.

Dieses Geschäftsmodell ist seelenlos, genau wie der Terminus des hauseigenen „Natursauerteigs“ – der kommt nämlich aus der Abteilung der „Freilaufkühe“.
Ich stelle mir die Frage: Was denn ein nicht natürlicher Sauerteig sei?
Und weiter: Warum sollte man stolz darauf sein, beim geschäftlichen (Auf)backen einen natürlichen Sauerteig zu benutzen?
Ich berichte auch nicht jeder Person voller Stolz, dass ich mich mit Wasser wasche.

Meine eigene Erwartungshaltung ist möglicherweise unangemessen – das könnte sein.
Meine Begleitung sagt: „Du bist ein arrogantes Schwein!“
Ich kommentiere nicht und bestelle mir ein halbes mit Lachs.
„4,50 bitte!“, schallt es mir entgegen.
Im Geiste sowie im Portemonnaie: krachts!

Nun gut, es ist nicht alles ganz so furchtbar.
Immerhin habe ich die Freiheit, meinen eigenen Platz aufzuräumen.


Nun auch im Audio-Format.


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